„Psychisch Kranke sind Leute wie Du und ich"

Manfred Jezek ist seit 1995 ehrenamtlich bei HIPSY tätig. Er erzählt in einem Interview von seinen Aktivitäten und Erfahrungen.

Wie bist Du zu HIPSY gekommen?

Ich war früher mal politisch gewesen und wollte wieder was tun. Meine damalige Freundin arbeitete in der Nußbaum-Klinik, so bin ich zu psychisch Kranken gekommen. Ich habe durch diese Freundin Patienten mitgekriegt, Veranstaltungen dort, und dabei Ängste abgebaut. Bei Tatendrang [einer Agentur für Freiwillige] habe ich von HIPSY gehört, und bin jetzt seit 1996 oder 97 dabei. Es wurde eine Nicht-Betroffener gesucht, ein Nicht-Kranker, der zuverlässig ist und dabeibleibt. Es gab z. B. viele Studenten, die aber immer bald weggeblieben sind. HIPSY suchte jemanden, der ganz normal im Leben steht.

Manfred Jezek

Was machst Du konkret bei HIPSY?

Meine Hauptaufgabe ist der Stammtisch am Donnerstag, den mache ich von Beginn an, meistens zu zweit – das ist eine Anlaufstelle für Neue. Dann: Kulturelles, Theater, Kino, Essen gehen, Biergarten, zum Wandern gehen, Urlaub machen; alles, was mit Freizeit zu tun hat. Insgesamt bin ich sehr häufig dabei.
Sinn und Zweck unserer Arbeit ist es, dass wir den Leuten Freizeit vermitteln und zugleich Kontakte geben – die sehr, sehr wichtig sind. Mittlerweile haben sich auch ganz tolle Freundschaften herauskristallisiert mit ein paar Leuten.

Worauf kommt es denn bei Deiner Arbeit besonders an?

Zum einen auf Zuverlässigkeit. Und zum anderen ist Vertrauen natürlich wichtig. Ja, und dass man mit den Leuten rausgeht, dass man sie unters Volk bringt, dass wir uns in der Öffentlichkeit bewegen, das ist ein wichtiger Beitrag, den wir leisten können. Denn es gibt ja immer noch sehr viele Vorurteile. Kollegen sagen zum Beispiel: „Hast Du denn da keine Angst? Ist das nicht gefährlich?" Ich sage dann immer: „Nein! Das sind Leute wie Du und ich; die haben Probleme nicht mit einem Organ, sondern mit der Psyche. Das ist eine Krankheit wie jede andere auch."
Das ist mir am Anfang manchmal schwergefallen, weil wir auch Leute dabei haben, die durchwegs im negativen Sinne auffallen. Damit hatte ich am Anfang selber Probleme. Man braucht halt seine Anlaufzeit, um die Sicherheit zu erlangen.
Es geht ja auch darum, ihnen Sicherheit zu geben oder zu zeigen. Es gibt ja manchmal Situationen, die mich am Anfang verunsichert haben – was mittlerweile nicht mehr der Fall ist. Ich bin jetzt durchaus fähig, wenn sich jemand beschwert, zu den Leuten zu gehen und zu sagen: „Wissen's, seien Sie froh, dass Sie nicht in der Situation sind, sondern gesund."

Mit was für Leuten hast Du zu tun? Spielt die Diagnose eine Rolle bei Deiner Arbeit?

Im großen und ganzen ist das nicht so wichtig, was für Diagnosen die Leute haben. Am Anfang war ich sehr vorsichtig, mittlerweile ist es so, dass ich überhaupt keinen Unterschied mehr mache. In erster Linie zählt die Person. Am Anfang habe ich schon Unterschiede gemacht, weil man es erst lernen muss. Ich musste erst lernen zu verstehen, dass die verschiedenen Krankheitsbilder völlig egal sind, dass eigentlich bloß der Mensch zählt. Psychisch Kranke sind Leute wie Du und ich.
Eine Erfahrung war übrigens sehr positiv: Es gibt bei den psychisch Kranken viele, die sehr ehrlich sind, so geradeheraus, im Positiven wie im Negativen, manchmal zu ehrlich. Das finde ich sehr wichtig. Das ist mir am Anfang ganz, ganz stark aufgefallen. Das ist ja in der normalen Bevölkerung nicht so der Fall.

Bei Deiner Antwort klingt durch, dass man möglichst unbefangen auf die Leute zugehen sollte. Stimmt das?

Man sollte so mit ihnen umgehen, wie man mit Freunden auch umgeht.
Leute im Bekanntenkreis fragen mich auch manchmal: Muss man da nicht Vorsicht walten lassen? Muss man da nicht aufpassen, was man zu denen sagt? Da sage ich: Nein!
Natürlich sagt man auch schon einmal etwas falsches oder nicht das richtige. Man muss aber nicht übervorsichtig sein. Man kriegt ein Gefühl dafür. Das braucht zwar seine Zeit, aber es klappt. Der beste Weg ist, wie gesagt: sich so verhalten, wie man mit Freunden auch umgeht.
Natürlich ist Vorsicht angebracht, wenn jemand empfindliche Seiten hat oder wenn jemand gerade aus der Psychose herausgekommen ist. Aber meistens regelt sich das alles von selbst, denn sie sind froh, wenn sie von sich erzählen können, und es tut ihnen, glaube ich, auch gut, und dafür sind wir ja auch da, um irgendwelche Geschichten aufzufangen – oder Ablenkung zu gestalten, was auch ganz wichtig ist.

Manche Vereine verlangen, dass der Bürgerhelfer vorher in eine Schulung geht und etwas über Krankheit lernt.

Ich habe mir das am Anfang auch so gedacht, ich habe gedacht: „Wie ist das eigentlich möglich, dass jemand kommt wie ich, ohne Erfahrung mit psychisch Kranken?" Im Nachhinein habe ich aber kapiert: Es geht ja nicht in erster Linie um die psychische Krankheit, sondern es geht in erster Linie um die Menschen.
Es geht einfach um einen Halt, und den wollen wir geben für die Zeit, wo wir mit den Leuten zusammen sind. Die psychische Krankheit betrifft zwar den Menschen, oft ein Leben lang, aber wir sind einfach dazu da, Unterstützung zu geben – einfach dazusein, das ist entscheidend.

Wenn Ihr Bürgerhelfer aber doch einmal Hilfe und Unterstützung braucht, bekommt ihr die dann?

Wir bekommen hier immer Unterstützung, wenn wir sie brauchen: Ich kann jederzeit hier im HIPSY-Büro bei den Profis anrufen; ich denke, da wird mir jeder helfen, wenn ich ein Problem habe.
Es gab zum Beispiel mal eine Klientin, die ich schon sehr lange kenne und die dann ziemlich abgedriftet ist. Da habe ich dann hier angerufen und mit einer Sozialpädagogin oder Psychologin gesprochen, die diese Frau betreut; das hat mir sehr weitergeholfen.

Hattest Du vielleicht Illusionen zu Beginn? Hat sich im Lauf der Zeit Deine Einstellung geändert?

Ich hatte keine Illusionen, weil ich aus meiner früheren politischen Arbeit wusste, dass man auf die Schnelle nichts verändern kann und Probleme nicht so schnell bewältigen kann. Ich habe gemerkt: Es ist ja fast eine politische Aufgabe, die psychisch Kranken so zu etablieren, dass man sie in die Gesellschaft mit reinbringt als Dazugehörige. Und das ist sehr, sehr schwer und geht auch sehr langsam, dass sich da irgend etwas ändert. Im Gegenteil: Es wird eher schwieriger, weil überall die Gelder gekürzt werden. Das trifft ja in erster Linie die, die auf soziale Unterstützung angewiesen sind.
Ich habe auch viel an Erfahrung gewonnen, was eigene Probleme betrifft. Man reflektiert ja doch ziemlich viel, man überlegt: Wie würde es einem selber gehen in der Lage?
Positiv ist auch: Ich bin im Lauf der Zeit immer ruhiger geworden, wenn mal was passiert ist.
Ich sehe mich übrigens gar nicht als großen Helfer. Ich freue mich natürlich, wenn die Leute, mit denen ich zu tun habe, mich loben. Aber von außen brauche ich kein Lob.

Was würdest Du einem Neuling raten?

Schau es Dir an, und zwar nicht allzu kurz! Man muss ja erst einmal Vertrauen aufbauen, und das geht nicht von heute auf morgen, das dauert einige Zeit, manchmal Jahre. Man kann andererseits wahnsinnig viel daraus lernen. Man kriegt selber viel zurück und man kann viel geben. Und es macht ja oft auch Spaß.

Hast Du zum Abschluss noch etwas, das Du gerne sagen willst?

Ja: Es muss einem selbst dabei gutgehen, sonst funktioniert es nicht.